Sonntag, 14. Juni 2015

Charities in Minya.


Ein „kleiner“ Bericht von meinem bisher intensivsten Wochenende hier in Ägypten. Daher wird es dieses Mal auch lang...

Ich hatte die Gelegenheit mit meiner Kollegin und der Frau eines Botschafters übers Wochenende nach Minya zu fahren. Ziel war es, verschiedene Charities zu besuchen, die durch einen jährlich stattfindenden EU-Bazar in Kairo finanziell unterstützt werden. Minya liegt in Oberägypten und gilt nicht gerade als eine der sichersten Städte in Ägypten. Der 2 Tage zuvor stattfindende Angriff in Luxor hat die Lage nicht gerade verbessert. Da aber eh schon länger feststand, dass wir mit einem gepanzerten Sicherheitsauto fahren können, war das Ganze kein Problem.

Freitag um 7.30 war die Stimmung gut, vor allem weil sich herausstellte, dass keine von uns die Nacht davor viel geschlafen hat – geteiltes Leid = halbes Leid. Das Sicherheitsauto war schon mächtig – total schwer (was man vor allem in den Kurven merkt), extrem dicke und schwere Türen und nur der Fahrer hat die Möglichkeit sein Fenster ein paar Zentimeter zu öffnen. Da kommt man sich schon ein bisschen eigenartig und gleichzeitig wichtig vor.
Nach ca. 4 Stunden in denen hauptsächlich Sand und Wüste zu sehen waren, tauchte dann in Minya wieder der Nil mit vielen grünen Oasen auf. Unser Fahrer hatte ein paar Probleme zur ersten Charity zu finden (logisch: keine Straßenschilder) und die kleinen Gassen haben sich für das extrem breite Auto nicht immer geeignet. Schlussendlich kamen wir aber an.

Bei dem ersten Projekt handelt es sich um ein Heim für blinde und stark sehbeeinträchtigte Kinder und Jugendliche. Von außen lässt sich nicht erkennen, dass es existiert, wir werden von einem Mitarbeiter hineingeführt. Im dritten Stock des nicht gerade gut riechenden Gebäudes werden wir von den Verantwortlichen erwartet. Es handelt sich um 2 Wohnungen im selben Stock, in denen jeweils 12 Jungen und 12 Mädchen leben. Ein paar Jugendliche, die am Tag darauf ihre Matura haben, sind da. Die meisten Kinder sind jedoch über die Ferien ausgezogen. Sofort wird uns Tee angeboten und wir unterhalten uns über eine Stunde mit den Jugendlichen und Leitern.  Es ist das einzige Wohnheim für blinde Kinder in Minya, doch nur Christen werden aufgenommen – auf Wunsch der Eltern.
Blindheit ist ein großes Problem in Minya und vielen anderen Dörfern. Einerseits ist das Gesundheitssystem so schwach, dass Krankheiten wie Glaukom einfach nicht erkannt und behandelt werden, andererseits gehören Frühgeburten und Inzest zu den Hauptursachen. Persönliche Geschichten werden uns natürlich auch erzählt. So hören wir beispielsweise von einer Familie mit 6 blinden Kindern, von 7.
Im Bildungswesen werden sehbeeinträchtigte und blinde Kinder exkludiert. Entweder sie werden im Unterricht ignoriert oder es wird ihnen gesagt, dass sie gar nicht in den Unterricht kommen müssen. Schulpflicht nur am Papier. Die NGO leitet deshalb auch eine Schule für Blinde, in der Christen und Muslime aufgenommen werden. Ein wichtiger Schritt, denn ohne Bildung haben die Kinder nicht einmal die Chance auf eine gesicherte Zukunft.
Im Heim lässt sich auf jeden Fall der Lerneifer der Jugendlichen sehen. Stolz wird uns vorgeführt, wie man mit einer Braille-Maschine tipp und wie moderne Laptops auch ohne zu sehen benutzt werden können. Abgesehen davon unterstütz das Wohnheim die Kinder vor allem darin den Alltag ohne Hilfe zu meistern – kochen, putzen, Wäsche waschen und alles was dazu gehört.

Gleich danach geht es weiter zur nächsten Organisation („Bent al reef“) in einem der ärmsten Viertel Minyas. Hier kommen wir mit unserem Auto wirklich nicht mehr weiter und gehen die letzten 10min zu Fuß durch das Gassengewirr. Mrs Zeinat, die Leiterin der NGO, begrüßt uns mit kräftigem Händedruck, führt uns in ihr Büro und erklärt sofort, worum es ihr geht.
Sie hat die Organisation gegründet, um die Stellung der Frauen in ihrem Umfeld zu verbessern. So bietet sie Gesprächs- und Aufklärungstreffen für Frauen zu Themen wie Prostitution, HIV, Kinderheirat, Gewalt in der Familie, FGM usw. an. Tabus scheint es für sie nicht zu geben. Das aktuellste Projekt ist ein Theaterstück über FGM, Gewalt und Bildung für Mädchen, welches von Freiwilligen erarbeitet und einstudiert wurde. Mittlerweile fand sogar eine Aufführung in Kairo statt. Unser Besuch wurde zum Anlass, das Theaterstück noch einmal in gekürzter Fassung vorzuführen und der kleine Raum war gestopft voll mit Frauen und Kindern aus der Umgebung.
FGM scheint eines der Hauptanliegen von Mrs. Zeinat und ihrer Organisation zu sein. Und das aus gutem Grund. Schätzungen zufolge sind in Ägypten über 92% der Frauen beschnitten, kürzlich wurde in den Zeitungen gefeiert, dass die Rate der 16-18-Jährigen auf 61% gesunken ist.
Beim Abschied dann doch noch ein interessanter Kommentar von der Powerfrau: „Zu Hause kann ich solche Dinge natürlich nicht erwähnen, da bekomme ich sonst noch Probleme...“ Wieder eines dieser Paradoxe – selbst zwischen 2011-2013, als die Muslimbruderschaft stark gegen ihre Organisation vorging, wich Mrs. Zeinat nicht von ihrem Vorhaben ab, doch zu Hause muss sie sich gut überlegen, was sie sagt.

Vom Armenviertel geht es weiter zu einem Jesuitenorden im Zentrum der Stadt. Ein sehr krasser Kontrast. Während es bei der Empowerment NGO nicht einmal Strom und fließendes Wasser gab, besitzt der Orden mehrstöckige Gebäude und einen Swimming Pool. Bei Fruchtsaft und Kuchen sprechen wir über den Orden und seine Tätigkeiten, später fahren wir dann zu einem Freizeitzentrum, in dem an diesem Tag Scouts ihr Treffen haben. Stolz werden uns der PC-Raum und die verschiedenen anderen Einrichtungen gezeigt.
Anders als die beiden vorherigen NGOs besitzt der Orden die Räumlichkeiten, wodurch eine Kontinuität gesichert ist. Die zwei kleineren Organisationen davor haben hingegen das Problem, dass sie die Räumlichkeiten immer nur auf befristete Verträge mieten können, wodurch sie sich alle 2-4Jahre eine neue Bleibe suchen müssen. Eine Hürde, die den kleinen Vereinen viel Arbeit und Sorge bereitet.

Nachdem wir uns von den Scout verabschiedet haben geht es endlich zu unseren letzten Charity und gleichzeitig Unterkunft für den Tag. Der Orden Notre Dame de Sion befindet sich in Berba, einem kleinen Ort, der etwa eine Stunde von Minya entfernt ist. Wir sind froh noch vor der Dunkelheit anzukommen. Sister Jackie, eine wahrscheinlich über 60-jährige Kanadierin heißt uns herzlich willkommen und teilt uns gleich unsere Zimmer zu. Da sie nur mit einer anderen Schwester im großen Gebäude lebt, gibt es ein Zimmer für jede. Der Orden betreibt ein Tageszentrum für (Großteils geistig) behinderte Kinder, einen Kindergarten und organisiert Ausflüge für muslimische und christliche Familien um den Dialog zwischen den Religionen zu fördern. Es ist angenehm sich mal ohne Probleme auf Englisch unterhalten zu können, nach dem gemeinsamen Abendessen sind wir aber mehr als froh eine Dusche zu bekommen und endlich ins Bett zu dürfen. Der Tag war lang!

Um 7 in der Früh heißt es dann frühstücken. Unser Zeitplan ist eng. Da kommt es dann passend, dass gerade als wir losfahren wollen ein riesiger Baumstamm von einer Palme vor der Garage liegt, wodurch unser Auto nicht raus kommt. Wir haben keine Ahnung wie und wieso der Stamm plötzlich vor der Garage liegt, am Tag davor lag er noch daneben. Sofort kamen mehrere hilfsbereite Ägypter und haben versucht den Stamm auf die Seite zu schieben/rollen. Hat aber alles nicht funktioniert, unser Zeitplan kam immer mehr aus den Fugen. Schlussendlich hat sich dann aber zum Glück ein Traktor gefunden, der den Stamm weggezogen hat. Für die DorfbewohnerInnen war es eine nette Abwechslung von der morgendlichen Routine.

Etwas verspätet kamen wir also zum Zentrum für Brandopfer in Minya. Es ist eines der wenigen spezialisierten Zentren in Ägypten wodurch Patienten aus dem ganzen Land anreisen. Geleitet wird das ganze von der spanischen Schwester Juanita, die schon seit 50 Jahren in Ägypten lebt. Sie hat sich gefreut ein bisschen Spanisch mit mir zu sprechen und ich hab mich endlich wieder verständigen können.
Interessant ist, dass das Zentrum eigene Salben und Medikamente für die Behandlungen (u.a. aus Aloe Vera Pflanzen, die im Garten wachsen) herstellt, wodurch die Kosten für die Patienten verringert werden. Insgesamt werden täglich zwischen 400 und 800 Personen behandelt. Die Materialkosten müssen die Patienten bezahlen, Behandlungskosten gibt es nicht. Nebenbei wird außerdem noch eine Tagesbetreuung für behinderte Kinder angeboten.
Die angebotene Merienda können wir leider nicht annehmen, wir müssen schnell weiter zur nächsten Charity und die Zeit von dem Baumstammvorfall wieder aufholen.

Bei „Hand in Hand“ werden wir von Father Boules und Sheikh Abdel Rahman begrüßt. Der Christ und der Muslim haben die Organisation 2005 gegründet um gemeinsam Unterstützung für Häftling und ihre Familien anzubieten, besonders wenn die Frau plötzlich zur alleinigen Brotgewinnerin wird. So werden einerseits Workshops für Frauen angeboten deren Ehemänner im Gefängnis sind oder die selbst im Gefängnis waren. Und andererseits bietet man Häftlingen die Möglichkeit im Gefängnis eine Tätigkeit auszuüben (z.B.: Holzarbeiten oder andere Handwerke) und die gewonnen Produkte dann zu verkaufen. Besonders schön ist, dass in all diesen Tätigkeiten auf einen Dialog zwischen den Religionen geachtet wird, den die beiden Gründer der Organisation täglich vorleben.

Nach einem gemeinsamen Mittagessen am Nil mit Blick auf die „Berge“ im Hintergrund hieß es dann auch schon Abschied nehmen von Minya. Wieder in Kairo angekommen, war ich auf jeden Fall um viele Eindrücke und um viele neue Erkenntnisse reicher!! Und müde ;)

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