Ein „kleiner“ Bericht von meinem
bisher intensivsten Wochenende hier in Ägypten. Daher wird es dieses Mal auch
lang...
Ich hatte die Gelegenheit mit meiner
Kollegin und der Frau eines Botschafters übers Wochenende nach Minya zu fahren.
Ziel war es, verschiedene Charities zu besuchen, die durch einen jährlich
stattfindenden EU-Bazar in Kairo finanziell unterstützt werden. Minya liegt in
Oberägypten und gilt nicht gerade als eine der sichersten Städte in Ägypten.
Der 2 Tage zuvor stattfindende Angriff in Luxor hat die Lage nicht gerade
verbessert. Da aber eh schon länger feststand, dass wir mit einem gepanzerten
Sicherheitsauto fahren können, war das Ganze kein Problem.
Freitag um 7.30 war die Stimmung
gut, vor allem weil sich herausstellte, dass keine von uns die Nacht davor viel
geschlafen hat – geteiltes Leid = halbes Leid. Das Sicherheitsauto war schon
mächtig – total schwer (was man vor allem in den Kurven merkt), extrem dicke und
schwere Türen und nur der Fahrer hat die Möglichkeit sein Fenster ein paar
Zentimeter zu öffnen. Da kommt man sich schon ein bisschen eigenartig und
gleichzeitig wichtig vor.
Nach ca. 4 Stunden in denen
hauptsächlich Sand und Wüste zu sehen waren, tauchte dann in Minya wieder der
Nil mit vielen grünen Oasen auf. Unser Fahrer hatte ein paar Probleme zur
ersten Charity zu finden (logisch: keine Straßenschilder) und die kleinen
Gassen haben sich für das extrem breite Auto nicht immer geeignet. Schlussendlich
kamen wir aber an.
Bei dem ersten Projekt handelt es
sich um ein Heim für blinde und stark sehbeeinträchtigte Kinder und
Jugendliche. Von außen lässt sich nicht erkennen, dass es existiert, wir werden
von einem Mitarbeiter hineingeführt. Im dritten Stock des nicht gerade gut
riechenden Gebäudes werden wir von den Verantwortlichen erwartet. Es handelt
sich um 2 Wohnungen im selben Stock, in denen jeweils 12 Jungen und 12 Mädchen
leben. Ein paar Jugendliche, die am Tag darauf ihre Matura haben, sind da. Die
meisten Kinder sind jedoch über die Ferien ausgezogen. Sofort wird uns Tee
angeboten und wir unterhalten uns über eine Stunde mit den Jugendlichen und
Leitern. Es ist das einzige Wohnheim für
blinde Kinder in Minya, doch nur Christen werden aufgenommen – auf Wunsch der
Eltern.
Blindheit ist ein großes Problem in
Minya und vielen anderen Dörfern. Einerseits ist das Gesundheitssystem so schwach,
dass Krankheiten wie Glaukom einfach nicht erkannt und behandelt werden,
andererseits gehören Frühgeburten und Inzest zu den Hauptursachen. Persönliche
Geschichten werden uns natürlich auch erzählt. So hören wir beispielsweise von
einer Familie mit 6 blinden Kindern, von 7.
Im Bildungswesen werden
sehbeeinträchtigte und blinde Kinder exkludiert. Entweder sie werden im
Unterricht ignoriert oder es wird ihnen gesagt, dass sie gar nicht in den
Unterricht kommen müssen. Schulpflicht nur am Papier. Die NGO leitet deshalb
auch eine Schule für Blinde, in der Christen und Muslime aufgenommen werden.
Ein wichtiger Schritt, denn ohne Bildung haben die Kinder nicht einmal die
Chance auf eine gesicherte Zukunft.
Im Heim lässt sich auf jeden Fall
der Lerneifer der Jugendlichen sehen. Stolz wird uns vorgeführt, wie man mit
einer Braille-Maschine tipp und wie moderne Laptops auch ohne zu sehen benutzt
werden können. Abgesehen davon unterstütz das Wohnheim die Kinder vor allem
darin den Alltag ohne Hilfe zu meistern – kochen, putzen, Wäsche waschen und
alles was dazu gehört.
Gleich danach geht es weiter zur
nächsten Organisation („Bent al reef“) in einem der ärmsten Viertel Minyas.
Hier kommen wir mit unserem Auto wirklich nicht mehr weiter und gehen die
letzten 10min zu Fuß durch das Gassengewirr. Mrs Zeinat, die Leiterin der NGO,
begrüßt uns mit kräftigem Händedruck, führt uns in ihr Büro und erklärt sofort,
worum es ihr geht.
Sie hat die Organisation gegründet,
um die Stellung der Frauen in ihrem Umfeld zu verbessern. So bietet sie
Gesprächs- und Aufklärungstreffen für Frauen zu Themen wie Prostitution, HIV,
Kinderheirat, Gewalt in der Familie, FGM usw. an. Tabus scheint es für sie
nicht zu geben. Das aktuellste Projekt ist ein Theaterstück über FGM, Gewalt
und Bildung für Mädchen, welches von Freiwilligen erarbeitet und einstudiert
wurde. Mittlerweile fand sogar eine Aufführung in Kairo statt. Unser Besuch
wurde zum Anlass, das Theaterstück noch einmal in gekürzter Fassung vorzuführen
und der kleine Raum war gestopft voll mit Frauen und Kindern aus der Umgebung.
FGM scheint eines der Hauptanliegen
von Mrs. Zeinat und ihrer Organisation zu sein. Und das aus gutem Grund.
Schätzungen zufolge sind in Ägypten über 92% der Frauen beschnitten, kürzlich
wurde in den Zeitungen gefeiert, dass die Rate der 16-18-Jährigen auf 61%
gesunken ist.
Beim Abschied dann doch noch ein
interessanter Kommentar von der Powerfrau: „Zu Hause kann ich solche Dinge
natürlich nicht erwähnen, da bekomme ich sonst noch Probleme...“ Wieder eines
dieser Paradoxe – selbst zwischen 2011-2013, als die Muslimbruderschaft stark
gegen ihre Organisation vorging, wich Mrs. Zeinat nicht von ihrem Vorhaben ab,
doch zu Hause muss sie sich gut überlegen, was sie sagt.
Vom Armenviertel geht es weiter zu
einem Jesuitenorden im Zentrum der Stadt. Ein sehr krasser Kontrast. Während es
bei der Empowerment NGO nicht einmal Strom und fließendes Wasser gab, besitzt
der Orden mehrstöckige Gebäude und einen Swimming Pool. Bei Fruchtsaft und
Kuchen sprechen wir über den Orden und seine Tätigkeiten, später fahren wir
dann zu einem Freizeitzentrum, in dem an diesem Tag Scouts ihr Treffen haben.
Stolz werden uns der PC-Raum und die verschiedenen anderen Einrichtungen
gezeigt.
Anders als die beiden vorherigen
NGOs besitzt der Orden die Räumlichkeiten, wodurch eine Kontinuität gesichert
ist. Die zwei kleineren Organisationen davor haben hingegen das Problem, dass
sie die Räumlichkeiten immer nur auf befristete Verträge mieten können, wodurch
sie sich alle 2-4Jahre eine neue Bleibe suchen müssen. Eine Hürde, die den
kleinen Vereinen viel Arbeit und Sorge bereitet.
Nachdem wir uns von den Scout verabschiedet
haben geht es endlich zu unseren letzten Charity und gleichzeitig Unterkunft
für den Tag. Der Orden Notre Dame de Sion befindet sich in Berba, einem kleinen
Ort, der etwa eine Stunde von Minya entfernt ist. Wir sind froh noch vor der Dunkelheit
anzukommen. Sister Jackie, eine wahrscheinlich über 60-jährige Kanadierin heißt
uns herzlich willkommen und teilt uns gleich unsere Zimmer zu. Da sie nur mit
einer anderen Schwester im großen Gebäude lebt, gibt es ein Zimmer für jede.
Der Orden betreibt ein Tageszentrum für (Großteils geistig) behinderte Kinder,
einen Kindergarten und organisiert Ausflüge für muslimische und christliche
Familien um den Dialog zwischen den Religionen zu fördern. Es ist angenehm sich
mal ohne Probleme auf Englisch unterhalten zu können, nach dem gemeinsamen
Abendessen sind wir aber mehr als froh eine Dusche zu bekommen und endlich ins
Bett zu dürfen. Der Tag war lang!
Um 7 in der Früh heißt es dann
frühstücken. Unser Zeitplan ist eng. Da kommt es dann passend, dass gerade als
wir losfahren wollen ein riesiger Baumstamm von einer Palme vor der Garage
liegt, wodurch unser Auto nicht raus kommt. Wir haben keine Ahnung wie und
wieso der Stamm plötzlich vor der Garage liegt, am Tag davor lag er noch
daneben. Sofort kamen mehrere hilfsbereite Ägypter und haben versucht den Stamm
auf die Seite zu schieben/rollen. Hat aber alles nicht funktioniert, unser
Zeitplan kam immer mehr aus den Fugen. Schlussendlich hat sich dann aber zum
Glück ein Traktor gefunden, der den Stamm weggezogen hat. Für die
DorfbewohnerInnen war es eine nette Abwechslung von der morgendlichen Routine.
Etwas verspätet kamen wir also zum
Zentrum für Brandopfer in Minya. Es ist eines der wenigen spezialisierten
Zentren in Ägypten wodurch Patienten aus dem ganzen Land anreisen. Geleitet
wird das ganze von der spanischen Schwester Juanita, die schon seit 50 Jahren
in Ägypten lebt. Sie hat sich gefreut ein bisschen Spanisch mit mir zu sprechen
und ich hab mich endlich wieder verständigen können.
Interessant ist, dass das Zentrum
eigene Salben und Medikamente für die Behandlungen (u.a. aus Aloe Vera Pflanzen,
die im Garten wachsen) herstellt, wodurch die Kosten für die Patienten
verringert werden. Insgesamt werden täglich zwischen 400 und 800 Personen
behandelt. Die Materialkosten müssen die Patienten bezahlen, Behandlungskosten
gibt es nicht. Nebenbei wird außerdem noch eine Tagesbetreuung für behinderte
Kinder angeboten.
Die angebotene Merienda können wir
leider nicht annehmen, wir müssen schnell weiter zur nächsten Charity und die
Zeit von dem Baumstammvorfall wieder aufholen.
Bei „Hand in Hand“ werden wir von
Father Boules und Sheikh Abdel Rahman begrüßt. Der Christ und der Muslim haben
die Organisation 2005 gegründet um gemeinsam Unterstützung für Häftling und
ihre Familien anzubieten, besonders wenn die Frau plötzlich zur alleinigen
Brotgewinnerin wird. So werden einerseits Workshops für Frauen angeboten deren Ehemänner
im Gefängnis sind oder die selbst im Gefängnis waren. Und andererseits bietet
man Häftlingen die Möglichkeit im Gefängnis eine Tätigkeit auszuüben (z.B.:
Holzarbeiten oder andere Handwerke) und die gewonnen Produkte dann zu
verkaufen. Besonders schön ist, dass in all diesen Tätigkeiten auf einen Dialog
zwischen den Religionen geachtet wird, den die beiden Gründer der Organisation
täglich vorleben.
Nach einem gemeinsamen Mittagessen
am Nil mit Blick auf die „Berge“ im Hintergrund hieß es dann auch schon Abschied
nehmen von Minya. Wieder in Kairo angekommen, war ich auf jeden Fall um viele
Eindrücke und um viele neue Erkenntnisse reicher!! Und müde ;)
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